Im Gespräch: Jan Schneider, CDU-Kreisvorsitzender und Baudezernent

„Wir werden diese Alleingänge nicht mehr dulden“

Stadtrat Jan Schneider, Kreisvorsitzender der Frankfurter CDU
Stadtrat Jan Schneider, Kreisvorsitzender der Frankfurter CDU
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. April 2018 - In der schwarz-rot- grü­nen Rö­mer-Ko­ali­ti­on knirscht es wie­der ein­mal. Die CDU stört sich am Vor­ge­hen des Ober­bür­ger­meis­ters – und muss zu­gleich ei­ne her­be Wahl­schlap­pe
auf­ar­bei­ten.
 

FAZ: Nach Wahl­kampf und Wie­der­wahl von Ober­bür­ger­meis­ter Pe­ter Feld­mann (SPD) soll­te die Zu­sam­men­ar­beit in der schwarz-rot-grü­nen Ko­ali­ti­on bes­ser wer­den. Wie har­mo­nisch ist es denn so?

Schneider: Mein Wunsch ist es auch, dass wir har­mo­nisch und kon­struk­tiv für Frank­furt ar­bei­ten. Der Start di­rekt nach der Wie­der­wahl war aber sehr holp­rig.

FAZ: War­um?

Schneider: Die Um­or­ga­ni­sa­ti­on des Ober­bür­ger­meis­ters im De­zer­na­tI, durch die er das Haupt­amt fak­tisch zer­schla­gen hat, und die Schaf­fung ei­nes Haupt­stadt­bü­ros wa­ren Din­ge, die der Ober­bür­ger­meis­ter in der Ko­ali­ti­on hät­te ab­stim­men müs­sen. Ge­sprächs­be­darf gibt es si­cher­lich auch dar­über, wel­che The­men in der Stadt jetzt mit wel­cher Prio­ri­tät be­han­delt wer­den. Wir ha­ben den Haus­halt für die­ses Jahr noch nicht auf den Weg ge­bracht. Dar­über müs­sen wir schleu­nigst spre­chen. An­de­re, we­ni­ger zeit­kri­ti­sche Fra­gen sind erst­mal zu ver­nach­läs­si­gen, auch wenn sie im Wahl­kampf für den ei­nen oder an­de­ren ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt ha­ben.

FAZ: Herr Feld­mann hat im Ple­num ver­kün­det, an Frank­fur­ter Ki­tas wür­den von Au­gust an auch Ganz­tags­plät­ze bei­trags­frei sein. Doch das ist noch gar nicht be­schlos­sen. War­um las­sen Sie sich als Ko­ali­ti­ons­part­ner solch ein ei­gen­mäch­ti­ges Vor­ge­hen bie­ten?

Schneider: Dass er das in sei­ner kur­zen Re­de neu­lich un­ab­ge­stimmt an­ge­kün­digt hat, war al­les an­de­re als po­si­tiv. Es hat zu er­heb­li­chen Ir­ri­ta­tio­nen ge­führt. Fest­zu­hal­ten ist, dass die bei­trags­frei­en Ki­tas erst dann be­schlos­sen sind, wenn die Stadt­ver­ord­ne­ten dem zu­ge­stimmt ha­ben. Das ist bis jetzt nicht der Fall. Na­tür­lich ist es auch un­ser An­sin­nen, El­tern wei­ter zu ent­las­ten, die Kin­der­be­treu­ung und da­mit die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf zu ver­bes­sern. Aber wir müs­sen uns schon al­le zu­sam­men die Fra­ge stel­len, wie das be­zahlt wer­den kann. Des­halb ist es un­se­re vor­dring­lichs­te Auf­ga­be, den Haus­halt samt Kon­so­li­die­rungs­pro­gramm zu be­schlie­ßen. Wenn wir ver­läss­lich ar­bei­ten wol­len, kön­nen wir nur die Din­ge in Aus­sicht stel­len und be­schlie­ßen, die wir uns auch leis­ten kön­nen. Der Ober­bür­ger­meis­ter hat zwar die An­kün­di­gung ge­macht, ist aber schul­dig ge­blie­ben zu sa­gen, wie er das fi­nan­zie­ren möch­te.
 
FAZ: Heu­te Vor­mit­tag tref­fen sich die Ko­ali­ti­ons­spit­zen, um über den hoch­de­fi­zi­tä­ren Etat zu be­ra­ten, den das Land in die­ser Form nicht ge­neh­mi­gen wird. Wel­che Ide­en hat die CDU, um das 300-Mil­lio­nen-Eu­ro-De­fi­zit zu sen­ken?

Schneider: Ich will den Be­ra­tun­gen nicht vor­grei­fen, in­dem ich ein­zel­ne Punk­te nen­ne. Klar ist, dass wir ge­mein­sam mit un­se­rem Bür­ger­meis­ter und Käm­me­rer Uwe Be­cker den Auf­trag ha­ben, We­ge zu su­chen, das pla­ne­ri­sche De­fi­zit zu re­du­zie­ren. Wir wis­sen, dass wir den Haus­halt mit ei­nem Mi­nus von 300­Mil­lio­nen Eu­ro nicht auf den Weg brin­gen kön­nen. Wir se­hen un­se­re Ver­ant­wor­tung aber auch dar­in, nicht al­len bloß ir­gend­wel­che Wohl­ta­ten zu ver­spre­chen, son­dern im­mer zu über­le­gen, ob und wie et­was fi­nan­ziert wer­den kann. Das ist al­ler­dings nicht nur Auf­ga­be der CDU, das müs­sen wir mit SPD und Grü­nen ge­mein­sam ma­chen. Es kann nicht sein, dass die ei­ne Sei­te die voll­mun­di­gen Ver­spre­chun­gen macht und die an­de­re Sei­te klein­laut er­klä­ren muss, dass nicht al­les zu be­zah­len ist.

FAZ: Durch­ge­drun­gen ist, dass die Ko­ali­ti­on vor al­lem über hö­he­re Ein­nah­men re­det. Die Wett­auf­wand­steu­er ist be­schlos­sen, die Tou­ris­mus­ab­ga­be auch. Nun ist die Re­de von ei­ner Zweit­woh­nungs­steu­er und ei­ner Er­hö­hung der Grund­steu­er. Ist es nicht Auf­ga­be der CDU, vor al­lem die Aus­ga­ben in den Blick zu neh­men?

Schneider: Das Ziel der CDU ist es be­stimmt nicht, in gro­ßem Ma­ße die Ein­nah­men hoch­zu­fah­ren. Das wür­de mit der Wett­auf­wand- und der Zweit­woh­nungs­steu­er auch gar nicht ge­lin­gen. In den bei­den Fäl­len geht es vor al­lem um ei­ne Len­kung. Wir wol­len we­ni­ger Spiel­hal­len in der Stadt, und wir möch­ten, dass sich die­je­ni­gen, die ih­ren Le­bens­mit­tel­punkt in Frank­furt ha­ben, bei uns auch mit dem Erst­wohn­sitz an­mel­den. Denn sie nut­zen schließ­lich dau­er­haft un­se­re In­fra­struk­tur, die Stadt be­kommt ih­ren An­teil an der Ein­kom­men­steu­er aber nicht.

FAZ: Was ist mit der Grund­steu­er?

Schneider: Das ist eben­falls nichts, was wir als CDU vor­an­trei­ben wol­len. Wir wis­sen aber sehr ge­nau, dass uns das Land qua­si da­zu zwin­gen könn­te, die Grund­steu­erB zu er­hö­hen, wenn wir es nicht schaf­fen, das De­fi­zit im Haus­halt nen­nens­wert zu re­du­zie­ren. Das muss uns al­len in der Ge­samt­schau zum Etat klar sein: Wenn wir an ei­ner Stel­le teu­re Zu­satz­din­ge ver­spre­chen, reißt das an an­de­rer Stel­le ein Loch in den Stadt­sä­ckel.

FAZ: Kön­nen Sie das kon­kret ma­chen?

Schneider: Ja. Wenn wir zum Bei­spiel die Kin­der­be­treu­ung bis zum zehn­ten Le­bens­jahr kos­ten­los an­bie­ten wol­len – Mit­tag­es­sen in­klu­si­ve –, dann kos­tet das die Stadt vor­aus­sicht­lich ei­nen statt­li­chen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag. Ei­ne Fol­ge wä­re dann, dass wir die Grund­steu­er er­hö­hen müss­ten. Von der frei­en Kin­der­be­treu­ung wür­den die Fa­mi­li­en pro­fi­tie­ren. Die Grund­steu­er­er­hö­hung wür­de aber al­le Frank­fur­ter zu­sätz­lich be­las­ten, die ei­ne Woh­nung oder ein Haus ge­mie­tet ha­ben oder Ei­gen­tü­mer sind. Dann zah­len al­le die Ze­che. Und das muss man den Men­schen ehr­lich sa­gen.

FAZ: Zu­rück zu Herrn Feld­mann. Er hat oh­ne Rück­spra­che das Haupt­amt zer­schla­gen, ein Haupt­stadt­bü­ro ein­ge­rich­tet, die CDU bei den Ki­ta-Ge­büh­ren ei­gen­mäch­tig über­gan­gen – und hat das­sel­be vor ein paar Mo­na­ten schon bei den ÖPNV-Fahr­prei­sen ge­macht. Sind Sie so weit zu sa­gen: Noch so ein Ding, und wir be­en­den die Ko­ali­ti­on we­gen des Ober­bür­ger­meis­ters?

Schneider: Die Ko­ali­ti­ons­fra­ge zu stel­len ist nichts, was man leicht­fer­tig tut. Wir al­le ha­ben vor nicht ein­mal zwei Jah­ren ge­mein­sam ei­nen Ko­ali­ti­ons­ver­trag er­ar­bei­tet. Das ha­ben wir mit der Ab­sicht ver­bun­den, die­se Stadt bis zur nächs­ten Kom­mu­nal­wahl 2021 gut und er­folg­reich zu re­gie­ren. Und die­ses Ziel ha­ben wir nach wie vor. Wir wol­len, dass Frank­furt von ei­ner sta­bi­len Mehr­heit ge­führt wird. Des­halb wer­den wir si­cher­lich nicht leicht­fer­tig die Ko­ali­ti­ons­fra­ge stel­len – auch wenn es Din­ge gibt, die uns sehr är­gern. Wir sind die­se Ko­ali­ti­on da­mals auch nicht in al­ler­größ­ter po­li­ti­scher Zu­nei­gung ein­ge­gan­gen, son­dern weil wir ge­se­hen ha­ben, dass es an­de­re sta­bi­le Mehr­hei­ten nicht gibt. Gleich­wohl se­he ich mit ei­ner ge­wis­sen Be­sorg­nis, dass es in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ei­ne gan­ze Rei­he von Al­lein­gän­gen und Ei­gen­mäch­tig­kei­ten von Herrn Feld­mann ge­ge­ben hat. Mei­ne Er­war­tung ist, dass es vor al­lem ein Ober­bür­ger­meis­ter, der ge­ra­de wie­der­ge­wählt wor­den ist, als sei­ne Ver­ant­wor­tung an­sieht, die Ko­ali­ti­on mit auf Kurs zu hal­ten. Bis jetzt ist er die­ser Rol­le nicht ge­recht ge­wor­den.

FAZ: Hat Ih­re recht de­fen­si­ve Kri­tik auch et­was mit der Schwä­che der ei­ge­nen Par­tei zu tun? Die CDU-Kan­di­da­tin Ber­na­det­te Wey­land hat die Ober­bür­ger­meis­ter­wahl am 11.März ja kra­chend ge­gen Feld­mann ver­lo­ren.

Schneider: Mei­ne zu­rück­hal­ten­de Aus­drucks­wei­se hängt da­mit zu­sam­men, dass ich nicht un­nö­tig Öl ins Feu­er gie­ßen möch­te. Dass der Ober­bür­ger­meis­ter vor­ge­prescht ist, ist das ei­ne. Aber wenn wir die­sen Streit jetzt wei­ter es­ka­lie­ren las­sen, hilft uns das ins­ge­samt nicht. Ich se­he mei­ne Auf­ga­be als CDU-Par­tei­vor­sit­zen­der so, dass wir ge­mein­sam auf ein kon­struk­ti­ves Ar­beits­kli­ma hin­wir­ken und ver­nünf­tig zu­sam­men­ar­bei­ten müs­sen. Dass wir die­se Al­lein­gän­ge auf Dau­er aber nicht mehr dul­den kön­nen und dul­den wer­den, ha­be ich auch in­ner­halb der Ko­ali­ti­on hin­rei­chend klar­ge­macht. Üb­ri­gens hat sich durch die OB-Wahl nichts an den Kräf­te­ver­hält­nis­sen in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ge­än­dert. Die CDU-Frak­ti­on ist nach wie vor die stärks­te Kraft im Rö­mer. Oh­ne uns ist kein Stich zu ma­chen.

FAZ: Am Sams­tag tref­fen sich die CDU-Mit­glie­der hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren, um die Nie­der­la­ge von Frau Wey­land zu ana­ly­sie­ren. Wor­auf wird es da­bei an­kom­men?

Schneider: Mein Haupt­an­lie­gen mit dem Ter­min am Sams­tag ist es, dass wir den Mit­glie­dern ei­ne Dis­kus­si­ons­mög­lich­keit er­öff­nen. Das gab es in der Ver­gan­gen­heit in der Re­gel nicht, dass wir nach Wah­len of­fen dar­über ge­spro­chen ha­ben, was gut war und was schlecht ge­lau­fen ist. Wir ha­ben das auch schon nach der Bun­des­tags­wahl ge­macht. Ich will ein­fach stär­ker das Ge­spräch mit der Ba­sis su­chen. Der Ter­min am Sams­tag ist wich­tig, um Rück­mel­dun­gen zu be­kom­men.

FAZ: Kon­zen­trier­tes Dampf­ablas­sen al­so?

Schneider: Wenn Sie das so nen­nen wol­len. Mir geht es eher dar­um, dass die Ba­sis ein biss­chen bes­ser ver­steht, wie das ei­ne oder an­de­re zu­stan­de ge­kom­men ist.

FAZ:Ha­ben Sie schon Feh­ler im Wahl­kampf aus­ge­macht?

Schneider: Ja. Den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern ist nicht hin­rei­chend klar­ge­wor­den, was un­se­re in­halt­li­chen Po­si­tio­nen wa­ren. Wäh­rend es Pe­ter Feld­mann sehr er­folg­reich ge­schafft hat, sei­ne sechs Jah­re al­ten Stich­punk­te man­tra­haft un­ter das Volk zu brin­gen, ha­ben un­se­re oft län­ge­ren Aus­füh­run­gen nicht ge­nug ver­fan­gen.

FAZ: Wird Frau Wey­land an dem Tref­fen teil­neh­men?

Schneider: Vor­aus­sicht­lich nicht. Das hat aber ter­min­li­che Grün­de.

Die Fra­gen stell­te To­bi­as Rös­mann.
 
 
 
 
 

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