Stadträtin Erika Pfreundschuh, Vorsitzende der Frankfurter Senioren-Union
Stadträtin Erika Pfreundschuh, Vorsitzende der Frankfurter Senioren-Union
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. November 2015 - Erika Pfreundschuh leitet die Senioren-Union und macht sich lebenskluge Gedanken.

An den 13. August 1961 kann sich Erika Pfreundschuh gut erinnern. An jenem Tag war die damals Dreizehnjährige zu Besuch bei den Großeltern in Darmstadt. Im Radio hörte sie, dass in Berlin eine Mauer gebaut wurde – und dass amerikanische Truppen aufmarschierten. Die Großmutter sagte kühl: „Krieg fängt immer im August an.“ Dann schickte sie den Großvater zum Einkaufen: Mehl, Öl, Kartoffeln – Vorratshaltung.

Pfreundschuh, mittlerweile 67 Jahre alt, ehrenamtliche Stadträtin und seit vier Jahren Vorsitzende der Senioren-Union, hatte große Angst damals, weil sie spürte, dass ihre Großeltern Angst hatten. „Kinder saugen die Angst von Erwachsenen wie ein Schwamm auf“, glaubt die CDU-Politikerin. Deshalb hätten Nachkriegskinder wie sie, 1947 geboren, und allen voran die noch Älteren jetzt größere Angst vor der Flüchtlingskrise als Jüngere. „Sie sind so alt, dass sie erlebt haben, wie staatliche Strukturen zerbrechen.“ Und sie fürchten, dass das nun wieder passieren könnte.

Die Angst, berichtet Pfreundschuh aus Gesprächen unter den etwa 300 Mitgliedern der Senioren-Union, werde dadurch noch größer, dass alte Menschen stärker abhängig seien von diesen staatlichen Strukturen, die sie außerdem aufgebaut und bezahlt hätten. „Ein alter Mensch muss sicher sein, dass die Polizei auch wirklich kommt, wenn er die 110 wählt.“

Es sind solche Gedanken, die ein Gespräch mit Pfreundschuh spannend machen. Sie selbst glaubt, dass sie aus dieser einst erspürten Angst heraus ihr Leben lang versucht hat, staatliche Strukturen zu sichern: als Finanzbeamtin und Steuerfahnderin bei Land und Stadt, als Direktorin der öffentlichen Stiftung St. Katharinen- und Weißfrauenstift von 1990 bis 2008 und als ehrenamtliche Stadträtin und stellvertretende Kreisvorsitzende der CDU.

Dabei ist Pfreundschuh, die mit ihrem zweiten Mann in Bergen-Enkheim wohnt, keine Pessimistin. „Positiv, aber nüchtern“, sagt sie über sich. Grundsätzlich findet sie Angela Merkels Flüchtlingspolitik richtig. „Wir haben das C im Namen und können nicht sagen, wir lassen die Menschen im Mittelmeer ertrinken.“ Trotzdem sorgt sie sich. „Wenn die schiere Zahl uns erdrückt, muss der Staat handeln.“ Sie ist für feste Verteilungsquoten in der Europäischen Union, für einen besseren Schutz der EU-Außengrenzen, für einen stärkeren Kampf gegen Fluchtursachen und eine konsequente Abschiebung jener, die in der Heimat nicht um ihr Leben fürchten müssen. Als ehemalige Beamtin glaubt sie an die Organisationskraft der deutschen Verwaltung.

Geboren ist Pfreundschuh in Darmstadt. Weil der Vater als Richter öfter versetzt wurde, wuchs das evangelische Mädchen in Düsseldorf und Münster auf. Vor allem die Zeit im Westfalen der sechziger Jahre hat sie oft als bedrückend empfunden. Am Münsteraner Gymnasium sei Lidstrich verboten gewesen, ihr damaliger Freund habe sie nicht von der Schule abholen dürfen. „Ich kam mir vor, als wäre ich in einem Kloster.“ Vielleicht war der Kontrast zu Düsseldorf auch einfach zu groß.

Sie begann, in Münster Theologie und Deutsch zu studieren. Weil sie aber nach einem Streit mit dem Vater früh auszog und Geld verdienen musste, brach sie das Studium ab, begann eine Ausbildung in der Finanzverwaltung und wurde Diplom-Finanzwirtin. Mit ihrem ersten Mann, der in Frankfurt eine Stelle bekam, zog sie dann in den frühen siebziger Jahren ins Rhein-Main-Gebiet.

Ob die Senioren in der CDU eine eigene Vereinigung brauchen? Pfreundschuh bejaht das. Als große Gruppe lassen sich ihrer Ansicht nach die Wünsche und Vorstellungen der älteren und alten Parteimitglieder – Mindestalter 60 Jahre – besser diskutieren und durchsetzen. Jeden Monat bietet sie einen Vortrag eines Referenten, zu 80 Prozent zu politischen Themen. Einmal im Jahr geht es aber auch um Medizinisches. Ebenfalls zum Angebot gehören Ausflüge. Mit anderen CDU-Vereinigungen, zum Beispiel mit der Jungen Union, arbeitet sie gern zusammen. „Wir machen zur Kommunalwahl sogar einen gemeinsamen Flyer.“

Frankfurt ist für Pfreundschuh ein guter Ort für Senioren. Kleinigkeiten hier und da gibt es zu bemängeln, aber sonst? Allerdings gibt es ein Thema, das sie umtreibt. Viele Alte seien psychisch krank – aus Einsamkeit oder Stress, weil sie ihre Partner verloren hätten oder die Wohnung aufgeben müssten. Für sie wünscht sich Pfreundschuh weniger Medikamente und mehr Psychotherapien. Sie selbst schreckt das Alter nicht. Sie sei gelassener geworden: mehr Gottvertrauen, weniger Kampf. Noch etwas ist wichtig. „Ohne Humor alt zu werden bringt nichts.“      

Von Tobias Rösmann, FAZ 

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