Frauen-Union zur "Digitalen Gewalt"

Frankfurt am Main, 6. Juni 2012 - Am 21. Mai 2012 besuchte die Frauenunion Frankfurt die Beratungsstelle „Frauennotruf“ in Frankfurt am Main um etwas über das Thema „Digitale Gewalt“ zu erfahren. Nach der Begrüßung und einem kurzen Einblick in die neuen Räumlichkeiten informierten sich die anwesenden Frauen zunächst über die Arbeit des Frauennotrufs im Allgemeinen.

Der Frauennotruf Frankfurt feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Seit 1982 haben mehr als 7000 Frauen die Hilfe des Frauennotrufs in Anspruch genommen. Erschreckend ist leider, dass es in den letzten Jahren eine steigende Tendenz gab. Die Zahl der Frauen, die sich an die Beratungsstelle gewandt haben, hat sich in den letzen zehn Jahren verdoppelt. Zuletzt auf 668 Fälle im Jahr 2011. Dies bedeutet allerdings nicht zwingend eine Zunahme der Taten, sondern kann auch auf einen selbstbewussteren Umgang der Frau mit diesem Thema zurück zu führen sein. Die Größe der Dunkelziffer, der Frauen, die schweigen, ist allerdings gänzlich unbekannt.

Eine Statistik aus dem Jahr 2004 zum Thema „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland“ besagt, dass jede siebte Frau einmal in ihrem Leben eine Vergewaltigung oder eine schwere sexuelle Nötigung erlebt hat. Davon erstatten allerdings nur 5% eine Anzeige. Gerade wenn die Gewalt vom (Ex-) Partner ausgeübt wurde, ist die Anzahl der Anzeigen sehr gering.
 
Warum schweigen die Betroffenen?

Hauptgründe des Schweigens sind das Gefühl der Scham und die Schuldgefühle. Oftmals suchen die Frauen die Schuld für das Erlebte bei sich selbst. Es kommen Fragen auf, wie „Was habe ich falsch gemacht? Warum ist mir das passiert? “. Dadurch entsteht eine Wertung der Tat als „legal“ – vor Allem bei „Beziehungstaten“. Viele Frauen schämen sich, vor anderen Leuten (wie zum Beispiel der Polizei), über die Tat zu reden und das Erlebte nochmal durchleben zu müssen. Auch ist die Vorstellung, vor Gericht dem Täter erneut gegenüber zu stehen und dort auszusagen, für viele Frauen eine enorme Belastung. Oftmals stammen die Täter aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis und die Frauen möchten den Täter vor den Konsequenzen einer Anzeige schützen. Es kann allerdings auch sein, dass der Täter seinem Opfer droht, sie im Falle einer Anzeige, als unglaubwürdig dar zu stellen.
 
In welchen Fällen können sich die Betroffenen an die Beratungsstelle wenden?

Frauen können sich untern Anderem an die Beratungsstelle wenden in Fällen von:

Vergewaltigung (versuchte oder vollzogene), sexueller Nötigung / Belästigung, Bedrohung, Misshandlung oder Körperverletzung, Verfolgung, digitaler Gewalt, psychischer Gewalt, …

Die Kontaktierung der Beratungsstelle kann vollständig anonym erfolgen, zwingt auch nicht zu einer Anzeige und kann auch erfolgen, wenn man keine Trennung von dem gewaltbereiten Partner möchte. Auch präventiv kann man sich an die Beratungsstelle wenden, wenn man Angst vor einer drohenden Gewaltsituation hat oder bei dem Mann ein erhöhtes Aggressionspotential feststellt. Nach den allgemeinen Informationen zur Einrichtung kamen wir auf unser eigentliches Thema „Digitale Gewalt“ zu sprechen.

Was ist überhaupt „Digitale Gewalt“?

Digitale Gewalt kann zum Beispiel sein:
-       Diffamierung, Beleidigung, Verleumdung, Belästigung und Drohungen via Handy oder Internet (zum Teil auch bekannt unter Cyber-Mobbing).
-       Fotografieren und Filmen von Personen ohne deren Einverständnis und vor Allem die Weitergabe/Veröffentlichung. Hier kommt es oftmals zu der Situation, dass in einer Partnerschaft, mit dem Einverständnis der Frau Aufnahmen gemacht wurden, die dann nach einer Trennung veröffentlich werden oder mit deren Veröffentlichung gedroht wird. Mit der Drohung der Veröffentlichung sollen möglicherweise eine Fortsetzung der Beziehung und/oder sexuelle Handlungen erzwungen werden.
-       „Happy Slapping“: Übergriffe auf wehrlose Opfer, die getreten und geschlagen werden. Diese Übergriffe werden auf Bildern und Videos festgehalten und anschließend im Internet und über Handys verbreitet.
Die Steigerung hiervon sind sogenannte „Snuff-Videos“. Auf diesen Videos sind körperliche und psychische Demütigungen zu sehen, aber auch Vergewaltigungen, Misshandlungen oder Nötigungen.

Das Thema der „Digitalen Gewalt“ ist ein Phänomen, das erst mit den ersten Handys begann. Vor allem etwa ab 2005, als die Handys mit Bluetooth-Funktionen und Kameras auf den Markt kamen. Immer mehr Jugendliche/Erwachsene verfügten über ein Handy und auch heute ist noch eine Zunahme festzustellen.

Digitale Gewalt ist ein Thema, das häufiger junge Frauen betrifft und zwar als Opfer, aber auch als Täterinnen. Gerade Diffamierungen per Internet können schwerwiegende Folgen haben. Zum einen können verbale Diffamierungen auf Plattformen wie z.B. Facebook oder Twitter von vielen Menschen eingesehen werden. Dies ist eine öffentliche Bloßstellung.
Folgen davon sind ein schlechter Ruf in der Schule oder an der Arbeit und damit einhergehend eine soziale Ächtung.

Zum anderen kann eine weitaus größere Gefahr entstehen durch die Verbreitung von Bildern oder Videos mit sexuellem Inhalt über das Internet oder auch nur unter Freunden/Bekannten. Somit ist das Opfer öffentlich als Opfer bekannt und tituliert. Andere gewaltbereite Männer könnten sie als mögliche Opfer ansehen und solche Aufzeichnungen als Animation oder Inspiration für eigene Taten verwenden. Leider sinkt durch solche Bilder bei Männern häufig die Hemmschwelle selbst solche, häufig gewalttätigen, Straftaten zu begehen.
 
Der Besuch der Einrichtung war sehr informativ und es ist ein Thema, über das in der Öffentlichkeit leider immer noch zu viel geschwiegen wird und das von einem Großteil der Bevölkerung ignoriert wird. Häufigen Meinungen, die die Betroffenen hören sind „Sie ist ja auch selbst Schuld“ oder „Soll sie den Mann doch einfach verlassen“. Bei solchen Aussagen ist es leider nicht weiter verwunderlich, dass viele Frauen über ihr Schicksal schweigen.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass ein Täter, der sich einmal gewaltbereit gezeigt hat, es möglicherweise wieder tun könnte um diesen „Kick“ zu erfahren. In dem man Anzeige erstattet und über das Erlebte redet, hilft und schützt man sich zum selbst, aber man schützt damit auch weitere potentielle Opfer!

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