Dr. Matthias Zimmer MdB
Dr. Matthias Zimmer MdB
Berlin/Frankfurt am Main, 7. Juli 2011 - „Die Diskussionen über die Präimplantationsdiagnostik sind mit viel Engagement und Leidenschaft, aber auch mit großer Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit geführt worden.

Ich habe mich früh den Befürwortern eines Verbotes angeschlossen und den entsprechenden Gruppenantrag mit unterzeichnet. Meine Gründe für ein Verbot der PID waren, neben den vielen im Deutschen Bundestag und der öffentlichen Debatte vorgetragenen, im Wesentlichen zwei.

 
Mit allen Varianten einer eingeschränkten Zulassung der PID machen wir aus einem prinzipiellen Verbot einen graduellen Erlaubnisvorbehalt. Das ist ein bedeutender qualitativer Unterschied. Wir unterwerfen eine Frage, die zutiefst an das Humanum greift, dem Reich der Zweckmäßigkeiten. Ich anerkenne die Beweggründe der beiden anderen Gruppenanträge, denen es auch und vor allem um die Eltern geht, und die Möglichkeit, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Jedoch: Ist erst einmal die Tür geöffnet, mit dem das Verwerfen von Embryonen gerechtfertigt wird, können neben den vorgebrachten Gründen lebensbedrohender Krankheiten und der Lebensfähigkeit andere Kriterien treten, ohne grundsätzlich nachrangig zu sein. Es gib keinen systematischen Grund, nicht auch andere Krankheitsbilder oder sonstige  genetische Fehldispositionen zum Verwerfungskriterium zu machen.

Aber gerade genetische Fehldispositionen können in besonderer Weise gesellschaftlichen Moden oder Zwängen unterworfen sein. Der Abschied von einem prinzipiellen Verbot führt unweigerlich in Erlaubnisspiralen, an deren Ende das Designerbaby steht. Dies bedeutet aber das endgültige und nicht mehr reversible Eindringen technischer Rationalität in das Geschenk der Schöpfung.
 
Demgegenüber gilt, und dies ist der zweite Grund meiner Ablehnung der PID, das Christus alle Menschen gerettet hat. Wir haben deshalb kein Recht, die Schwachen am Betreten der Welt zu hindern. Wenn es Gott nicht gebe, sei alles erlaubt, hat Dostojewski einmal gesagt. Aber auch, wenn der Begriff Gottes nicht mehr in der Liebe und der Personalität, sondern im Willen, also dem Absolutismus von Gott als Vater, begründet wird, stellen sich unbequeme Folgefragen. Carl Schmitt hat darauf hingewiesen das theologische Debatten in die Politik einwandern. Dies ist auch in der Frage erfolgt, ob der Wille Gottes über allem steht oder die Welt und der Ratschluss Gottes der Vernunft zugänglich sind, Gott mithin als ein an die Vernunft gebundener Gott wesensmäßig zu erkennen ist. Diese unterschiedlichen, unvereinbaren Konzeptionen haben direkten Einfluss auf die Frage, ob wir Menschen uns als ein Teil der Natur und der natürlichen Ordnung empfinden oder, wie es in der Moderne diskutiert worden ist, ob wir selbst die souveränen Einheiten sind, die auch gegen die Natur und die natürliche Ordnung agieren können.

Die Natur dadurch zu beherrschen dass wir entscheiden, welcher Art von Menschen wir es erlauben, die Welt zu bevölkern, war Ausgangspunkt der eugenischen Bewegung etwa in den USA der 1920er Jahre. Euthanasie, Geburtenkontrolle und eine radikale Form des Darwinismus wirkten hier zusammen mit dem Ziel, eine Form des genetischen „social engineering“ zu betreiben. Diese Konzeption der unbegrenzten Souveränität des Menschen in der Geschichte führt letztlich in den moralischen Nihilismus; gerade in Deutschland sind wir dafür in besonderer Weise sensibel.
 
Der Mensch ist nicht souverän, sondern Teil einer natürlichen (und historischen) Ordnung. Als Person ist er dialogisch angelegt und mit Würde ausgestattet, die es ihm gebietet, andere Menschen als Zwecke in sich selbst anzuerkennen. Die Rechtspflicht, das ungeborene menschliche Leben zu schützen, hat Vorrang gegenüber der Möglichkeit des bloß technisch Machbaren. Deshalb habe ich für ein Verbot der PID gestimmt: Sie geht von einem problematischen Menschenbild aus, von einer beinahe göttlichen Anmaßung, die für mich weder theologisch noch philosophisch auf der Höhe der Zeit zu sein scheint.“
 
 

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